Im Nieselregen schlenderte K. im Übergangsmantel am Ministerium für Verkehr entlang. Er ging vom Muskeltraining zurück zur Pension. Ein Gesicht aus dem Bleistiftgebiet trippelte vorüber, grüßte den älteren Kollegen. Geschmeichelt schnürzte K. ein tonloses ‚Guten Appetit‘.
K. bemerkte verwundert, selbst beiläufige Begegnungen geraten in der Hauptstadt zu einem literarischen Ereignis.
Traum, sprich! (Berlin im Dezember)
Die Speere bewachten nachts mit geifernden Aggregaten, heulenden Hunden das mächtige Schiebetor. Zwischen den Speeren saß ich, der Stift, stolz, Edgar, der Speer.
Im Inneren der Festung wurden Träume und Erinnerungen zur Beute. Trauben schwarzer Klänge, Früchte der Klugheit mahlten im Training Strategie und Bewegung. Die schlafende Schar schied die Kräfte, gebar den wahren Moment. Silberne Lettern schmückten den Fries der Frauen und Mütter: Aoide, Arche, Erato, Euterpe, Hypate, Kalliope, Klio, Melete, Melpomene, Mese, Mneme, Nete, Terpsichore, Thaleia, Thelxinoe, Polyhymnia, Polymatheia, Urania, unter der Aufsicht von Plusia und Euippe.*
Im milchtrüben Licht des Opaion hockten auf Vogelstangen, die stolzen Köpfe im Gefieder: Acalanthis, Cenchris, Chloris, Cissa, Colymbas, Dracontis, Lyngx, Nessa und Pipo.
Drängt der aufkommende Morgen zur Entscheidung?
*Erstaunt war ich im Traum, wie leicht mir die Namen über die Lippen gehen. Erinnerung, sprich!
Wet Dreams
Wet Dreams aka Wikipedia Dreams heißen Träume, die Artikel und Nachschlagelektüren zu bunten Eisbergen im Becher oder in der Waffel auftürmen und gleichzeitig zerfließen, ein Jungbrunnen süßer Speisen, die das Hirn gierig reinlöffelt und rausschmilzt.
Le soleil a la taiIlle d’un pied humain – Le Diaphane
Filmessay der Ausstellung „LE DIAPHANE – Une Réflexion, une Collection, une Exposition, un Lieu“ in französischer Sprache (60 min, 1993) von Martin Kreyssig, kuratiert von Denys Zacharopoulos, mit Werken von Giovanni Battista Piranesi und zeitgenössischen Künstlern in Tourcoing / Pas de Calais 1990 – 91. Sprecher: Thomas Schultz.
Künstlerinnen und Künstler: Carla Accardi, Pierre Dunoyer, Arnulf Rainer, Jean Pierre Bertrand, Jannis Counellis, Reinhard Mucha, Per Kirkeby, James Coleman, Thomas Ruff, Thomas Schütte, Niele Toroni, Dan Flavin, Eugéne Leroy, Gilberto Zorio, Pier Paolo Calzolari, Michelangelo Pistoletto, Daniel Walravens, Matt Mullican, Jan Vercruysse, Harald Klingelhöller, Herbert Brandl, Jean-Marc Bustamante, Marisa Merz, Mario Merz, Brice Marden, Isa Genzgen, Renè Daniels, Jeff Wall, James Welling, Ernst Caramelle, Helmut Dorner, Mariella Simoni, Richard Long, Gerhard Richter, Pat Steir, André Caderé, Blinky Palermo, Sol Lewitt, Silvie et Chérif Defraoui, Thomas Struth, Dan Graham, Günther Förg, Lawrence Weiner et al.
Der Videofilm mit dem Titel »Le soleil a la taiIlle d’un pied humain / Die Sonne hat die Größe eines menschlichen Fußes« folgt der von Denys Zacharopoulos konzipierten Ausstellung im Museum und der Akademie der nordfranzösischen Stadt Tourcoing. Der umfangreichen Präsentation zeitgenössischer Kunst stehen die Arbeiten des Barockarchitekten und Vedutenzeichners Giovanni Battista Piranesi (1720-78) gegenüber. Der Film geht ausführlich auf die Arbeit dieses großartigen „Archäologen der Architektur“ ein, beschreibt Leben und Technik, und verbindet sein Oeuvre mit den Darstellungen moderner Skulptur, Malerei und Zeichnung.
Texte von Heraklit, Victor Hugo, Paul Valéry und Paul Virilio ergänzen den Film um die Problematik der Repräsentation moderner Kunst im Museum. Das Durchscheinende – Diaphane – der Ausstellung bildet die Struktur des Films.




Vor Morgengrauen
–losigkeit
Der warme Rücken
Geschlossenes Gesicht
Kühle Augenlider
Speichelblasen
Träume voller Gier.
Haltestelle
Erinnerungen
stürmen die Bettstatt.
Ich rutsche zur Seite.
Dein warmer Körper
aus Worten.
Einsteiniade
Im Schlaf
besteht der Raum
aus Zeit.
Traumbahnhof
Der Nachtzug steht.
Nebenstrecke Abstellgleis?
Schweissnaß am Amazonas?
Schritte Schreie lange Schatten?
Spiegel ohne Gesicht?
Frierend im Schneegestöber?
Gefesselt in der Schulbank?
Im Schlafanzug auf dem Mittelstreifen?
Gott König Vater Strafgericht?
Kein Ort Nirgends?
Herzklopfen Wasserhahn Stille?
Mondhell Nebel Stimmen?
Steht die Haustür offen?
Nimmerland?
Sehnsucht
Spannung genug
über den Fluß
Innerste
Äußerste
in Bewegung
zu halten
Innen Außen
Ufer zu Ufer
Rand Midlum Rand
Oben Unten
KURZ, das Ganze
sammen zu halten
im Gleichgewicht
Schraube und Fundament
Gram und Sumpfteich
Luft und Feder
Kern und Umfang
Innerste
Äußerste
Spannung genug
zu halten
Anspruchsgewicht
Anforderungsgewicht
Antriebsgewicht
gelingt
nicht.
Typisch Morgengrauen.
Glück der Erddrehung
Schlaf und Frieden
träumen des Nachts
das Glück der Erddrehung:
schwarze Blicke.
Hundszunge
Wer bin ich?
Hundszunge,
schwimmendes Tuch,
schwebender Schatten?
Wer?
Im Maul der schlafende Fisch.
Die Worte liegen auf Grund.
Wer bin ich?
Leibesübungen
Heute
stehen in vorderster Linie
die Toten von morgen,
usw.
Plastik
Im Ball
aufgepumpt
Étienne-Louis Boullée
aus Nichts
klebriges Plastik am Knochen
im Kopf innen
im Ball im Kopf
aufgepumpt
ein Sternenmeer
im Planetarium
kugelförmige Leinwand
aus klebrigem Plastik
Ball im Kopf
bis an die Ohren
an die Augen
am Hinterkopf
sämtliche Aus- und Einlässe
verklebt mit dem Boullée’schen
Modell eines sprechenden Balls
drückt der Sternenwind
die Leere im Inneren ein Sturm
aus Licht ein Rauschen
Zypressen unter dem Lichtermeer
Noise aus All
Gepumpter Ball
im Kopf das Kenotaph
Druck aus weißem Sternenlicht im schwarzen Lochkopf im Kopf
projiziert Boullée den Sternentanz
im Dunklen das Helle
Guillotine im Lichtkopf
im Ball
im Kopf
im Schwarz
im Rauschen
All Ball Kopf
Knall
Tagesfrucht
Die Tagesfrucht fällt
von Woche zu Woche früher
zu Boden;
von Furcht geerntet
schnellt die samtene Nachtstunde
in schwarze Traumhöhen;
Tor, Klippe, Vorhang,
Modell der Gier.
Rezept
Halbgar in Bettsoße,
betrachte ich die Traumeinträge
der Nacht: Nichts dabei heute.
Hinter dem Vorhang
auf der Seitenbühne
wattefarbene Gestalten
in klammer Morgenkälte
warten ohne Stichwort
angelehnt angewachsen
der Auftritt
scheidet die Farben
ein Windhauch streichelt
das Schilf, fächelt in Wellen
knarrendes Wiegen in der Stille
geschnittener Atem
vor dem Schritt ins Licht
atemlose Scham und Angst
wispern zischen hauchen
Stimmenvoyeure gieren
Schleier der Ungewissheit
Blickfang der Träume
Schwarze Schatten
Kostüme aus Eifersucht
soufflierende Roben
der Tag webt bleiern
graue Blätter
aufspringende Regentropfen
überstimmen die Sekunden
N.N.
Meine Kopfsuppe gerät zur Trübe.
Kormorane hocken auf dem Schädelrand, fischen Bröckchen.
Last Exit Sounds, yeah
Die Reise geht ins Jenseits,
töff töff,
klapper klapper
zisch zisch.
Rechts und links winken Umwege,
tröt tröt,
offen die Tür straight durch die Mitte,
quietsch quietsch.
Leinen los,
hup hup,
Atem los,
pfft pfft.
Nähe der Erinnerung
Lichtblasen,
Spektrum aus Zeit,
Farbenspiel im Prisma,
scharfes Klingen befreundeter
Stimmen,
Wellen
wärmender Erinnerungen,
Bilder,
Begegnungen,
Körper:
Schleier aus Tropfen.
ohne Titel
Schrei aus Stille
heißt es,
dabei auch ohne
Licht.
Schatten der Sphinx
Nacht für Nacht
Reisen ohne Räder in Rätseln
ohne Lösung
Zweifel
im Brustkörbchen
schlägst du
für mich;
im Brustkörbchen
schlägst du
für dich;
schlägst du für dich oder
schlägst du für mich oder
schlägst du für uns?
MiroirrioriM
Shuttle Spiegel Schatten
flatternde Roben
unbunte Raben
Zeitläufer
Abgesänge lyrische
Zimbeln verstärkt
im Tunnelschwarz
scratching double
Backofengrab bye bye
signature farewell
on gateway seven.
ohne Titel
Ich
will
sprechen,
doch
fehlt
die Schüssel mit
Erbrochenem.
Gewissheit
Die Frühjahrsblüte kommt
ohne meinen Blick
aus.
Guter Hoffnung?
Hoffnungsvoll
stimmt die
Gewissheit:
Auch Quälgeister sind
Sterblich.
Furchtbar
stimmt die
Gewissheit:
Auch Quälgeister sind
Fruchtbar.
Einstimmig
Das Ohr am Kopfkissen
lauscht dem Herzschlag: Klingt
deine Melodie
im Sound der Zeit?
Hohlkehlchen
In Alzhausen zeigt Dr. Heimer auf die Kirche.
Im Dorf lassen, schreit er gegen den rollenden Militärkonvois.
Jeden Tag aufs Neue.
Gabelung
Silben staken,
Schwere schmilzt ins Leichte,
ins Offene weicht der Atem.
Tod, letzter Hüter, schließ‘ die Tür.
Ohne Richtung.
Weltgeräusch
Ich wollte mitgeschrieben haben, von dem Geräusch erzählen, als die Welt sich drehte.
Da war kein Mut, kein Stift, kein A, kein O.
Ich hörte nur ein Herz schlagen.
Nachbild
Nachts leuchtet die Stadt weiß
Gleichmaß Ordnung Gestalt
zerfällt;
Tagsüber ein Haufen Wertstoff
Gleichmaß Ordnung Gestalt
zerfällt;
Wassermütze
Beim Abstoßen vom Beckenrand
trage ich eine Wassermütze.
Sie verliert sich
an die Ruhe.
Popanz
Der Tod ist ein Popanz, aufgeblasenes Nichts.
Wenn ich im …
Wenn ich im Traum
an dich denke
beiße ich auf
Gräten
