„zwischen Gebäuden“ – Thomas Schultz

Speilfilm von Thomas Schultz (BRD 1989, s/w, 72 Minuten) nach Sätzen des „Räuber-Roman“ von Robert Walser. Auf der Webseite des Harun Farocki Institut findet sich die Einführung von Thomas Tode zur Filmvorführung im Metropolis-Kino Hamburg 2004.

„Begegnungen zwischen einem, der nicht weiß, was er will, und denen, die es wissen. Seine Ratlosigkeit lebt er entschlossen. Für jeden da, entzieht er sich jedem Zeichen von Vereinnahmung. Ohne Vorhaben hat er alles vor sich. An nichts gebunden, raubt er den Eingebundenen Festigkeit. Ohne feste Vorstellungen ist er radikal Mensch. Lose, liebt er alle Befestigten. Die haben es schwer, ihn loszulassen, nutzlos und unbenutzbar wie er ist.“ (Thomas Schultz). Quelle: Bärbel Freund

Credits zum Film „zwischen Gebäuden“

Deckblatt Filmblatt 29. Jg., Winter 2024/25 @ CineGraph Babelsberg e.V.

Text von Frederik Lang, erschienen anlässlich der Wiederaufführung des Films am 02. Februar 2024.

Einige Fotos von den Dreharbeiten in Berlin. Die Drehzeit umfasste 24 Tage zwischen 10.8. und 5.9.1988. Der Film wurde am 1. August 1990 in der Akademie der Künste in Berlin uraufgeführt.

„zwischen Gebäuden“, 1989, Dreharbeiten, Karl Heil, Martin Kreyssig @ Bärbel Freund
„zwischen Gebäuden“, 1989, Dreharbeiten, Reinhold Vorschneider, Martin Kreyssig @ Bärbel Freund
„zwischen Gebäuden“, 1989, Dreharbeiten, Martin Kreyssig @ Eva Lieberknecht
„zwischen Gebäuden“, 1989, Dreharbeiten, Martin Kreyssig, Thomas Schultz @ Eva Lieberknecht
„zwischen Gebäuden“, 1989, Dreharbeiten, Thomas Schultz, Michael Weber, Bärbel Freund, Martin Kreyssig @ Eva Lieberknecht
„zwischen Gebäuden“, 1989, Dreharbeiten, Martin Kreyssig @ Eva Lieberknecht
„zwischen Gebäuden“, 1989, Dreharbeiten, Martin Kreyssig, Michael Weber @ Eva Lieberknecht

Text von Johannes Beringer

„zwischen Gebäuden“

Film von Thomas Schultz (BRD 1989, s/w, 72 Minuten)

»Die Leinwand als Fläche nehmen diese Art von ‚Frontalität‘ herstellen, wie es sie etwa bei Pasolini oder bei Hou Hsiao Hsien gibt. Die Kamera (wenn der Standort einmal gefunden ist) nicht verrücken, nicht bewegen: auf dem Ausschnitthaften beharren, Tableaus herstellen. Die Originaltöne sind wichtig der ganze Stadtraum ist dann da.
In das äusserlich Registrierbare, Vorgefundene (Orte, Strassen, Häuser, Räume) die Fiktion setzen, sie mit Personen besetzen: ein Stück Literatur nehmen, es transponieren. Sätze (extrem fragmentiert) aus „Der Räuber“ von Robert Walser und mehr noch: diese Walser-Figur (verkörpert von Karl Heil) in den Mittelpunkt stellen. „Begegnungen zwischen einem, der nicht weiss, was er will, und denen, die es wissen. Seine Ratlosigkeit lebt er entschlossen. Für jeden da, entzieht er sich jedem Zeichen von Vereinnahmung. Ohne Vorhaben hat er alles vor sich. An nichts gebunden, raubt er den Eingebundenen Festigkeit. Ohne feste Vorstellungen ist er radikal Mensch. Lose, liebt er alle Befestigten. Die haben es schwer, ihn loszulassen, nutzlos und unbenutzbar wie er ist.“ (Thomas Schultz)


Die Potenz, die der Film entwickelt, kommt zuerst mal aus dieser Art von Stillstellung, die Thomas Schultz praktiziert: nach einem kurzen Wortwechsel, einer kurzen Aktion (etwa dem Aufhelfen eines auf der Strasse Liegenden) stehen sich die Akteure stumm und wie eingefroren gegenüber. Aber nicht als ’still‘, sondern real. Normalerweise ein Moment von Peinlichkeit in der Wirklichkeit eine Normverletzung. Was aber nicht heisst, dass dann nichts mehr passiert zwischen zwei Menschen, im Gegenteil. Gerade wenn sie nicht reden, die Konvention, die übliche Verbindlichkeit verlassen sich als ‚Geistkörper‘ gegenüberstehen, ist die oben genannte Potenz virtuell da, könnte sich manifestieren … Die ‚Peinlichkeit‘ macht vielleicht einem anderen Gefühl Platz: der Verlegenheit darüber, dass so viel unter der Konvention des Verkehrs, des Sprechens verborgen liegt, was sich nicht äussern kann. Ein enorm erotisierender Vorgang auch, wenn die ganze, brachliegende Potentialität durch diese Figur, die nichts will (den „Räuber“), zum Vorschein gebracht wird. An ihr, ihrem Verhalten, bricht sich die eingespielte Wirklichkeit, an ihr zerbricht die Norm. Die Frauen vor allem (die walserschen Servierfräuleins) haben Lust, dieser Figur so im Vorbeigehen kurz übers Haar zu streichen.
Nicht dass es nur diesen einen Typus von Einstellung gäbe die ‚Stillstellung‘ ist wie interjektiert in den Ablauf oder vielmehr: das Mosaik der Handlung. Das Verzögerungsmoment ist eingesetzt, um diese Potenz zu lösen und überall sichtbar zu machen. Selbst in den Einstellungen, in denen sich keine Akteure aufhalten: die menschliche Anwesenheit ist spürbar, allumfassend (der Beton der Balkonmauer spricht noch davon). Und doch auch, als anderes Moment der Stillstellung: die Drohung der Verlassenheit, der Öde. Der Verdinglichung. Das Dasein der Dinge kommt auch ohne Menschen aus.
Das ist ein anderes Verdienst des Films: dass er die zeitlich-lineare Struktur aufbricht, ihre Unerbittlichkeit als Norm begreift. Etwas folgen lässt, was bereits geschehen ist. Oder etwas geschehen lässt, was noch folgen wird. Die Abfolge so fragmentiert, dass die Möglichkeitsform aufscheint. Unvollendetes Futur als Zeitform des Films. Offengehalten in dem Stillgestellten. (Aber danach auch schon vergangen.)

Damit ist ein starker Gegensatz gegeben. Ein ‚Spiel‘ mit dem Eingespielten der Wirklichkeit. Ein potentielles Daraus-Heraustreten. Eine Figur, die nicht vereinnahmt werden kann. Die für sich ist, in dieser beharrlichen Widersinnigkeit. (Der Widersinn ist ihre Existenzweise.) Ein Fremdkörper, ein Fremdgeist scheel angesehen von den ‚Einheimischen‘. Von Frauen umkreist aber eben nicht so richtig benutzbar. Selbst wenn sie sagt „Wollen Sie mich heiraten?“, geht es mehr um die Worte, den Augenblick die Erotik, die dadurch darin aufblüht. (So fällt denn auch ein Schuss, unhörbar einer der Frauen wurde es zuviel, der Vortragende fällt von der Kanzel.)
Aber diese Figur der „Räuber“ besitzt eine Bankomat-Karte und bezieht sein Geld aus dem Automaten. Immer wieder hilft er Personen, die auf der Strasse liegen, auf. Öfter mal ist auch der Rettungsdienst im Einsatz. Das Unglück (das schlecht Allgemeine) liegt auf der Strasse, ist mit Händen zu greifen. Wozu sich zwanglos ein Zitat aus „Die Notizen“ von Ludwig Hohl fügen liesse: „Das Unglück allein ist noch nicht das ganze Unglück; Frage ist noch, wie man es besteht. Erst wenn man es schlecht besteht, wird es ein ganzes Unglück.
Das Glück allein ist noch nicht das ganze Glück.«

© Johannes Beringer, 2004

Zeughauskino, Berlin, 28.3.2004 (im Rahmen von „Eine ‚Berliner Schule‘“)
shomingeki, Filmzeitschrift, Nummer 15, Frühling / Sommer 2004

500 Meter – Michael Zibold

Ausstellungsansicht in Vitrine / Fotografien: Michael Zibold

Ausstellungsbeitrag „500 Meter“ von Michael Zibold in der Gruppenausstellung ABIDANCE, 01.-10.09.2017 im Westwerk Hamburg, kuratiert von Viola Kiefner und Karin Maria Pfeifer.

Künstlerinnen und Künstler aus Wien: Bernhard Hosa, Ewa Kaja, Karin Maria Pfeifer, Christiane Spatt, Sula Zimmerberger und Clara Lena Langenbach, Laura Sigrüner, Michael Zibold aus Hamburg.

Ausstellungsbeitrag „500 Meter“ von Michael Zibold im Westwerk Hamburg © Martin Kreyssig 2017
Ausstellungsbeitrag „500 Meter“ von Michael Zibold im Westwerk Hamburg © Martin Kreyssig 2017

Ich habe nichts zu sagen, und das sage ich – Alan Charlton

Ich habe nichts zu sagen, und das sage ich © Alan Charlton, Martin Kreyssig 1999

Ein Film (Länge 15:03 Min) von Martin Kreyssig über die Farbe Grau. Der Film zeigt Räume und Szenen aus vier Einzelausstellungen des britischen Künstlers Alan Charlton. Gefilmt auf 16mm s/w-Film und Video zwischen 1992 und 1999, dokumentiert der Film Ausstellungen in der Galerie Konrad Fischer Düsseldorf, im Museum Haus Esters Krefeld, Liliane und Michel Durand-Dessert Paris und im Kunstverein in Hamburg. Die Montage orientiert sich an Aussagen des Künstlers und Texten zu seinem Werk, die von Achim Buch und Benjamin Utzerath gelesen werden.

Alan Charlton, geboren 1948 in Sheffield, malt seit 1968 ausschließlich graue Bilder. Die Farbe / Nichtfarbe Grau ist bei ihm nicht Anfangs- oder Endpunkt, sondern Mitte und vektorlose Fläche, etwas von gleichmäßiger Präsenz. Das Grundmaß seiner Bilder bildet der immer genau 4,5 cm tiefe Keilrahmen. Aus der Multiplikation dieses Maßes ergeben sich die Bildformate- und Proportionen sowie die Abstände zwischen den Leinwänden bei den mehrteiligen Arbeiten. Das Grundmodul konstituiert die Fläche, das Bildformat, das Bild als Raumobjekt.

Und das Bild konstituiert den Raum. Charlton – Ausstellungen sind keine beliebigen Zusammenstellungen von Einzelwerken. Vielmehr geht die Auswahl der Arbeiten vom Ausstellungsraum aus und häufig werden neue Arbeiten für einen spezifischen Raum entwickelt. So vollendet Alan Charlton seine Arbeit erst in der Ausstellung, wenn Bild und Raum zueinander kommen.

Der Film spürt dieser räumlichen Disposition der Malerei Alan Charltons nach.

Alan Charlton, Screenshot Ausstellungsansicht Krefelder Kunstmuseen © Alan Charlton, Martin Kreyssig 1999
Alan Charlton, Screenshot Ausstellungsansicht Krefelder Kunstmuseen © Alan Charlton, Martin Kreyssig 1999
Alan Charlton, Screenshot Ausstellungsansicht Galerie Durand-Dessert © Alan Charlton, Martin Kreyssig 1999
Alan Charlton, Screenshot Ausstellungsansicht Kunstverein in Hamburg © Alan Charlton, Martin Kreyssig 1999

Der Gefesselte / The Bound Man – Peter Brötzmann, Mike Pearson

Der Gefesselte / The Bound Man © Martin Kreyssig 1992

Konzertportrait und Performance „Der Gefesselte / The Bound Man“ (basierend auf der gleichnamigen Erzählung von Ilse Aichinger, erschienen 1953) von und mit Peter Brötzmann (1941-2023) und Mike Pearson (1950-2022) im Westwerk, Hamburg. Fernsehbeitrag von Martin Kreyssig, produziert im Auftrag von Kultra, 3sat, 1992.

Der Gefesselte / The Bound Man / Mike Pearson und Peter Brötzmann, Plakat @ Westwerk 1992

SHELTERS / ZUFLUCHTEN – Antoni Malinowski

Shelters / Zufluchten © Antoni Malinowski, Martin Kreyssig 1993

Markierungen und Zeichnungen von Antoni Malinowski in den Gängen hinter den Geschäften. Videofilm im Auftrag des Kulturamtes Langenhagen als Dokumentation zur Ausstellung von Antoni Malinowski in Hannover / Langenhagen, Länge: 27 min, 1993.

In einem großen Einkaufszentrum arbeitet der in London lebende Künstler Antoni Malinowski (* 1955) an seiner Installation, die der Film vorstellt. Dabei wird die Situation der Gänge und Treppenhäuser gezeigt, bevor der Künstler mit seiner Arbeit begonnen hat, sowie Ausschnitte aus dem Arbeitsprozeß selbst.

Antoni Malinowksi ist Maler. Mit winzigen Zeichen, die militärischen Symbolen gleichen, welche in Stabskarten Verwendung finden, bemalt er den Boden in den Treppenhäusern, immer in Beziehung zur Lichtrichtung und -gestalt. Zudem sind mit schmalen, aufgeklebten Streifen aus Teerpappe Bewegungslinien und Energiefelder in die verwinkelten Flure eingeschrieben.

Der Film orientiert sich an der baulichen Struktur solcher modernen Fluchtwege und sucht u.a. mit modulierten Tönen die Intensität dieser Installation zu dokumentieren. In einem Versorgungsflur hinter den Geschäften einer Einkaufspassage hat Antoni Malinowski eine zeichnerische, leichte beständig flüchtende Installation geschaffen, die der Film kommentarlos aufzeigt. Der Gestaltlosigkeit dieser Architektur der Nebensächlichkeit, ihrer Ortlosigkeit und Redundanz widerspricht der künstlerische Akt in seiner beharrlichen Konzentration, die Geste des Lichts, die Schönheit selber.

Shelters / Zufluchten © 1993 Antoni Malinowski, Martin Kreyssig
Shelters / Zufluchten © 1993 Antoni Malinowski, Martin Kreyssig