Gehört so ein Gezeitenwald zu dem was gewesen ist oder zu dem was noch kommen wird? Ist er beide Zeiten, drei, vier? Gehört der Wald zu unterschiedlichen Realitäten? Ist er beide Realitäten, drei, vier?
Wie der Wind schleicht die Angst durch den Wald, nein, weht die Hoffnung, nein, die Stimmen der Äste und Blätter singen, im Chor feuriger Nadelzweige.
Von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit speisen die Gezeiten.
Unter Vögelstrichen, schwarzen Faltern, zwischen Orangenbäumen und Callas Schoß eine weiße Kammer, geflochten.
Die Morgensonne strahlt von rohen Wänden, ein Handwerker krümmt sich unter Werkzeugen, Verliebte zwitschern auf Treppenstufen, schlafende Gassen voll gläserner Kiesel.
Auch das Balzen der Jungen vollzieht sich unter strengen Blicken knochiger Katzen, wandelnde Schatten, aufgelöst im dunklen Samt, ein keifender Schrei.
Fleissige Glockenschläge versenken die Zeit zu gebogenen Scherben, Krüge voller Münzen, himmlische Zahlungsmittel, raunend springen auf die Motoren, zertretene Spinnfäden.
Rede von Martin Kreyssig zu Werken von Anne Schwalbe, gehalten anlässlich der Eröffnung ihrer Ausstellung ALLES am 17. Oktober 2013 im MUSEUM SCHIEFES HAUS in Wernigerode.
»Der Hamburger Filmemacher Martin Kreyßig produziert als Kameramann, Regisseur und Autor Filme zur zeitgenössischen Kunst. Die Video- oder 16mm-Filme entstehen in enger Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen. Kunst mit filmischen Mitteln zu beobachten heißt beispielsweise eine Skulptur in Bilder zerteilen, diese unter eine eigene, festgelegte Zeit ordnen und ein akustisches Fundament (oder Firmament) hinzufügen. Nicht mehr des Betrachters Blick, sondern die einäugige Kamera “entscheidet”, was und wie lange etwas wichtig ist. In dieser neuen Konstruktion einer Ausstellung und deren “Begehung” kommt den Hörsinn eine zentraler Bedeutung zu, da er die zweidimensionale Abbildung in einen plastischen Kontext einbettet und so zu einem neuen Ort führen kann.
Diese Art kinematographischer Kunstbetrachtung existiert als kleiner Nebenstrang der deutschen Filmgeschichte bereits seit 1919. Hans Cürlis (1889-1983) hat mit seinen filmischen Atelierbesuchen bei Lovis Corinth, Max Liebermann, Otto Dix und anderen Künstlern (insg. 100 Filme bis 1933) ein Genre begründet, das durch die herausragende Videoarbeiten von Gerry Schum und Ursula Wevers fortgesetzt wurde. Anders als die eher fernsehgerechten Filme des Belgiers Jef Cornelis oder des Amerikaners Michael Blackwood, erarbeiten Cürslis und Schum gemeinsam mit dem Künstler einen Film zur Fortführung künstlerischer Intentionen.
Kreyßigs filmische Ausstellungsdokumentation von Reinhard Mucha, Harald Klingelhöller, Thomas Schütte, Richard Deacon oder Andreas Slominski vermögen Nebenwege einer Kunstbetrachtung zu beschreiten, die den direkten Kunstbesuch nicht ersetzen, sondern dem Kunstwerk eine ungewohnte Sichtweise zugesellen, die weder ein begleitender Text noch Katalogabbildungen zu leisten imstande sind.« [Sabine B. Vogel, 01.03.1997]
Filme zu Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern: Nicolas A. Baginsky / Barry Schwarz, Alan Charlton, Richard Deacon, Bogomir Ecker, Peter Friedl, Olafur Gislason, Asta Gröting, Kathrin Haaßengier, Viola Kiefner, Harald Klingelhöller, Gustav Kluge, Elena Kovylina, Klaus Kumrow, Antoni Malinowski, Reinhard Mucha, Thomas Schütte, Schuldt, Andreas Slominski, Caroline von Grone, Elisabeth Wagner u. v. a
Filme im Auftrag von Museen und Galerien: Wilhelm-Busch-Museum, Karl-Hofer-Gesellschaft, Hamburger Kunsthalle, Grässlin–Collection, Galerie Bärbel Grässlin u. v. a.
Filme zur Architektur: Mies van der Rohe, BRT Architekten, Gössler Architekten BDA, DFZ Architekten, Ulrike Brandi Licht, De Picciotto & Wittorf Architekten BDA u. v. a.
Fernsehbeiträge und Kulturberichte für ARTE TVzu Einzelausstellungen: Thomas Schütte (with Richard Deacon) (Kunstverein Wolfsburg und Städtische Galerie Wolfsburg, 1996), Franz Erhard Walther (Deichtorhallen Hamburg, 1998), Tony Oursler (Kunstverein Hannover, 1998), Douglas Gordon (Kunstverein Hannover, 1998), Mariko Mori (Kunstmuseum Wolfsburg, 1999), Ingo Günther (Museum Weserburg, 1999), Luc Tuymans (Kunstmuseum Wolfsburg, 1999), Nam June Paik (Kunsthalle Bremen, 1999), Marina Abramović (Kunstverein Hannover, 2000).
Fernsehbeiträge und Kulturberichte zu Gruppenausstellungen für ARTE TV: DO ALL OCEANS HAVE WALLS? (Gesellschaft für Aktuelle Kunst Bremen, 1998), EMOTION (Deichtorhallen Hamburg, 1998), HOCHRENAISSANCE IM VATIKAN (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Bonn, 1999), DAS VERSPRECHEN DER FOTOGRAFIE (Kestner Gesellschaft, Hannover, 1999), REWIND TO THE FUTURE (Bonner Kunstverein, 1999), GERMAN OPEN (Kunstmuseum Wolfsburg, 1999), WOHIN KEIN AUGE REICHT (Deichtorhallen Hamburg, 1999)