Schutzumschlag

Fieberromane verschlingen
autobiografische
Karrieren Lebenswege
more fiction than fact
die unwiderrufliche Abwesenheit
des Dargestellten, der Körper
frische Fassaden.

entkernt verstört
aufgelöst im
fernen Sein
kein Anzug passt zur Haut
nur Du, Lebenskostüm
Schreibekunst.

Hirnschauerlektüren
Handlungsanweisungen
Verhaltensanleitungen
rhetorische Rezepturen
scala paradisi
Rutschbahn verweht
few happy few.

Springlebendiges nicht
nur tropfender Wasserhahn
Stimmung N: Zerbrochenes Glas.

ein fremdes Rückgrat
trägt dein Fleisch nicht:
Häutungen.

Will ich einen Kreis soll
er nicht auch rund sein?

Waldfiction

Gesang der Waldgöttin
Gesang ohne Verben
Kathedrale aus Nadeln
kein „Übermaß von Himmel“ RMRilke
Wirbel aufgleitender Greifvögel

träumender Wald – Durchstreichung –
Nervenverästelung oberer Ereignisbaum
Wunder der Steinkrönung unter Nassvorhang
Rauheit – hier Doppelbelichtung –
Schattenflug Engführung Vertikalversatz
Horizont mit Ifenklinge

Nassstufen Gegend Bodennebel
Reifenknistern Geplapper der Hüpfvögel
Trittsiegel im Ziehweg
Wasserflüstern – Durchstreichung –
wetteifernder Motorsägen Nachdenklichkeit

auch auf dem Rückweg Wiederholung
ein Wald, der Fiction liebt, Wald zu sein
ganz und gar eifrig – verausgabt sich –
träum doch

Morgige Erinnerungen

Lala Friedfertig
Haltestelle Schwellenreich, zuvor:
fließt auf rostigem Samt
Traum gespitzter Mund
Hände Lippen dunkelrot, zuvor:
nässende Zeitenwunde
Engels am Kranhaken
Hauptstadt’s Strömung
geschnittenen Steins, zuvor:
einatmen Gestank
ausatmen Gestank plusplus,
im Brückenschatten
eine wartende Zukunft

Verwandte Begegnung

Mit Blick nach Süden,
kalter Wind auf halber Nase,
treff ich dich, Schönheit, am Wegesrand:
Gebüsch im Schnee.
Kennen wir uns nicht, blattloser Torso,
aus andrer Bilderlandschaft,
weiss papierne Kataloge?

Ruine und Gebein, eisige Stätte,
Denkmal steinernen Winterfriedens,
abgelegte Streifen Schnee,
erstarrtes Gefieder, Restgewirre:
Nackt vorm Grau zeigen spitz deine
stocksteifen Äste zum blauen Fleck,
dürre Finger schlanken Gitterwerks
gieren sehnsuchtsvoll nach Licht.

Geblendet von Schneedaunen, ein
Trugbild in Begehung, Wind
und Frost und trübes Nass,
Hoffnung auf Frühling – Wärme,
ein Bild bloß im Schwelgen verblättert,
steht ein Gebüsch im Schnee.

Gebüsch im Schnee, 1827/28, Caspar David Friedrich (1774-1840), Gemäldegalerie Dresden © Wikipedia

Gebüsch im Schnee © Martin Kreyssig 2026

Portrait

deine Mutter auf der Fotografie betrachte
ich wie eine Fremde nur
du kanntest sie in diesem Alter
ich sehe dich wie
du sie betrachtest sie kennst wie
ich sie nicht kannte ich betrachte
deine Mutter wie du
dich erinnerst wie ich
sie nicht erinnere es ist
dein Portrait von deiner Mutter
du hast sie angeschaut für
sie Abzug und Rahmen gewählt
ihr seid weit entfernt wie ihr
euch anschaut ernst und
beide innerlich lächelnd
fällt nach dem Auslöser die Spannung