Novembersilben

Novembersilben
schwarze weiße.
Ins Trübe schreibt der Atem graue Fahnen.
Am Türstock, das abgelegte Alter,
lauscht dem Wind;
in jeder Richtung
auffliegender Gesang.
Gefängnis aus Zeit.

Ein anderer Tag

Die Gegenwart findet mit Hundegebell
und Windstößen
ihr Publikum.
Im Wartesaal.

Häuser erklimmen in der Morgendämmerung
die Hänge, kehren mittags
als Geröll ins Tal.
Häutungen.

Korkeichen Katzen
schwarze Felder.
Rabenschreie.

Sandwolken kühlen die gleißende Sonne.
Augenzwinkern.

Die Tür als Grenze.
Ein anderer Tag.

Gewand

in ungestümen Falten weben
Flächen ohne Raum;
abgewandte rohe Blicke,
die Scham in blanker Trauer;
der lose Knopf, ein Saum.

Hanf und Ginster knüpfen Schleifen,
Plissee aus Silben, Hals und
Fesseln schimmern, hüllen
Körper, Wunder, stolze Nacht;

Satin d’Armour, in Ringen
taut dein blaues Gold
und taumelt; wirf Netze aus
im Strom der Düsternis.

Parrhasius, dein Vorhang webt
der Streit und Täuschung löst
das Tuch zu Wolken;
Luft und Wasser ordnen rund und
logisch die Maschinen: Blüte
schmeckt dein rot-oranger Mund.

Singende Linie, der Lippen
Traum verliebter Laut, aus Feuer
glimmt ein andres Leben;
vor der Leinwand faltest du
ein Lächeln, Zauber, Schweben.

Literarisches Ereignis

Im Nieselregen schlenderte K. im Übergangsmantel am Ministerium für Verkehr entlang. Er ging vom Muskeltraining zurück zur Pension. Ein Gesicht aus dem Bleistiftgebiet trippelte vorüber, grüßte den älteren Kollegen. Geschmeichelt schnürzte K. ein tonloses ‚Guten Appetit‘.
K. bemerkte verwundert, selbst beiläufige Begegnungen geraten in der Hauptstadt zu einem literarischen Ereignis.

Traum, sprich! (Berlin im Dezember)

Die Speere bewachten nachts mit geifernden Aggregaten, heulenden Hunden das mächtige Schiebetor. Zwischen den Speeren saß ich, der Stift, stolz, Edgar, der Speer.

Im Inneren der Festung wurden Träume und Erinnerungen zur Beute. Trauben schwarzer Klänge, Früchte der Klugheit mahlten im Training Strategie und Bewegung. Die schlafende Schar schied die Kräfte, gebar den wahren Moment. Silberne Lettern schmückten den Fries der Frauen und Mütter: Aoide, Arche, Erato, Euterpe, Hypate, Kalliope, Klio, Melete, Melpomene, Mese, Mneme, Nete, Terpsichore, Thaleia, Thelxinoe, Polyhymnia, Polymatheia, Urania, unter der Aufsicht von Plusia und Euippe.*
Im milchtrüben Licht des Opaion hockten auf Vogelstangen, die stolzen Köpfe im Gefieder: Acalanthis, Cenchris, Chloris, Cissa, Colymbas, Dracontis, Lyngx, Nessa und Pipo.
Drängt der aufkommende Morgen zur Entscheidung?

*Erstaunt war ich im Traum, wie leicht mir die Namen über die Lippen gehen. Erinnerung, sprich!