Im Park

Titelgrafik "Im Park"

Ein szenischer Essay von Martin Kreyssig, daraus einige Szenen:

Die Welt im Park erscheint dem kritischen Betrachter mal als Klinik, mal als Bergwerk, wie man es aus Museen kennt, mal als Galerie, manchmal wie ein Paradies. Nicht selten, und die Begriffe fallen mit den Eindrücken zusammen.

EVER NEVER. Langsamer Monolog aus zwei Worten, in deutscher Diktion gesprochen, zu Beginn normal schnell, die Worte getrennt, dann zunehmend zu einem Wort verschmelzend, im letzte Schritt nur noch die E-Laute vernehmbar, das Knochengerüst der Konsonanten zermahlen: EEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEE.

Die Geographie des Parks ist Seelenkunde, Ermittlung und Anleitung.

An der Simon- oder Goldbergsäule lauscht man einer akustischen Installation. Hier wird in zweiunddreissig Variationen der Satz gesprochen: Wo ist der Punkt?

Von aussen nimmt man das viereckige und fensterlose Gebäude aus Klinkersteinen im Gelände kaum wahr. Betritt man den Innenhof durch den einzigen Eingang von Norden her, steht man inmitten von vier Tempelfassaden aus griechischer Vorzeit. Die Aussenwände des Tempels nach innen geklappt, lassen sich drei monumentale Wandstücke gleichzeitig betrachten. Der Tempel als Bühnenbild.

Es liessen sich Liebesgeschichten, Biografien, Heldenreisen, Dramen und Abenteuer vorstellen. Könnten hier Begegnungen, glückliche und empfindsame Momente, wahre oder unwahre Begebenheiten inszeniert werden? Wäre hier der Ort, Gesichter zu sehen, Worte zu hören, deren Anmut, Härte oder Ironie den Park in seiner Wirkung zurücktreten und als Hintergrundrauschen verblassen liessen? Wäre ein Stück Leben wie ein Teil der Wirklichkeit zu entdecken, wie verhielte sich die virtuelle Wirklichkeit des Parks dazu? Und platzierte man hier pralles Leben wie einen nackten Schrei – wäre davon zu hören?

Der Park ist nichts, vielleicht eine Unruhe, ein Zittern.

Den Landkartenraum betritt man auf dessen umlaufender Galerie. Aus grosser Höhe sieht man auf den Park als Ganzes im Maßstab 1:1. Hier lässt sich das Paradox in seiner ursprünglichen Schönheit genießen.

Im Echosaal lauscht man den Stimmen vergangener Jahrhunderte. Das schneckenförmig gedrehte Gewölbe zeigt an seiner Kassettendecke Portraits aller an diesem Bauwerk beteiligten Handwerker. Athanasius Kircher spricht vom Bandrekorder Krapp’s Last Tape. Weltaneignung im Dialog mit Echoapparaten: Quellen sprudelnder Spiegelbilder und Totenmasken.

Der Park zeigt eine Ausstellung der Eitelkeiten, eine Messe neuster Moden. Nach wenigen Tagen ist alles vergessen, der Rollrasen im Schrank, die Garagentore geschlossen. Erwartungsvolle Stille vor dem nächsten Gig. Vorhang.

Der Gefesselte / The Bound Man – Peter Brötzmann, Mike Pearson

Der Gefesselte / The Bound Man © Martin Kreyssig 1992

Konzertportrait und Performance „Der Gefesselte / The Bound Man“ (basierend auf der gleichnamigen Erzählung von Ilse Aichinger, erschienen 1953) von und mit Peter Brötzmann (1941-2023) und Mike Pearson (1950-2022) im Westwerk, Hamburg. Fernsehbeitrag von Martin Kreyssig, produziert im Auftrag von Kultra, 3sat, 1992.

Der Gefesselte / The Bound Man / Mike Pearson und Peter Brötzmann, Plakat @ Westwerk 1992

SHELTERS / ZUFLUCHTEN – Antoni Malinowski

Shelters / Zufluchten © Antoni Malinowski, Martin Kreyssig 1993

Markierungen und Zeichnungen von Antoni Malinowski in den Gängen hinter den Geschäften. Videofilm im Auftrag des Kulturamtes Langenhagen als Dokumentation zur Ausstellung von Antoni Malinowski in Hannover / Langenhagen, Länge: 27 min, 1993.

In einem großen Einkaufszentrum arbeitet der in London lebende Künstler Antoni Malinowski (* 1955) an seiner Installation, die der Film vorstellt. Dabei wird die Situation der Gänge und Treppenhäuser gezeigt, bevor der Künstler mit seiner Arbeit begonnen hat, sowie Ausschnitte aus dem Arbeitsprozeß selbst.

Antoni Malinowksi ist Maler. Mit winzigen Zeichen, die militärischen Symbolen gleichen, welche in Stabskarten Verwendung finden, bemalt er den Boden in den Treppenhäusern, immer in Beziehung zur Lichtrichtung und -gestalt. Zudem sind mit schmalen, aufgeklebten Streifen aus Teerpappe Bewegungslinien und Energiefelder in die verwinkelten Flure eingeschrieben.

Der Film orientiert sich an der baulichen Struktur solcher modernen Fluchtwege und sucht u.a. mit modulierten Tönen die Intensität dieser Installation zu dokumentieren. In einem Versorgungsflur hinter den Geschäften einer Einkaufspassage hat Antoni Malinowski eine zeichnerische, leichte beständig flüchtende Installation geschaffen, die der Film kommentarlos aufzeigt. Der Gestaltlosigkeit dieser Architektur der Nebensächlichkeit, ihrer Ortlosigkeit und Redundanz widerspricht der künstlerische Akt in seiner beharrlichen Konzentration, die Geste des Lichts, die Schönheit selber.

Shelters / Zufluchten © 1993 Antoni Malinowski, Martin Kreyssig
Shelters / Zufluchten © 1993 Antoni Malinowski, Martin Kreyssig

Schaufenster mit Spiegel

Schaufenster mit Spiegel, 1993 © Philips Consumer Electronics, Galerie Weisser Raum, Martin Kreyssig 1993

Dokumentarfilm von Martin Kreyssig, gedreht auf der Internationalen Funkausstellung 1993 in Berlin, über fünf Video-Kunst-/Interaktive-Kunst-Skulpturen der Künstler Nam June Paik, Fabricio Plessi, Shigeko Kubota, Marie Jo Lafontaine, Nicolas A. Baginsky und Klaus vom Bruch, mit Beiträgen von Dieter Oehms (Produzent) und dem Kunsthistoriker Dr. Wulf Herzogenrath.

Idee und Konzept: Dieter Oehms, Philips Consumer Electronis / Ausstellungskonzept & Realisierung: Galerie Weisser Raum Hamburg, Andrea Jacobi, Thomas Wegener / Sprecher: Herbert Günther Schmidtke / Musik: Carsten Dane / Dauer: 23 Min., Produktion: Philips 1993

Schaufenster mit Spiegel, 1993, Dr. Wulf Herzogenrath (Videostill), Videofilm von Martin Kreyssig
Schaufenster mit Spiegel, 1993, Nicolas A. Baginsky (Videostill), Videofilm von Martin Kreyssig
Schaufenster mit Spiegel, 1993, Klaus vom Bruch (Videostill), Videofilm von Martin Kreyssig

I-Beam Music – Nicolas A. Baginsky, Barry Schwarz

I-beam Music © Barry Schwarz, Nicolas A. Baginsky, Martin Kreyssig 1995

Nicolas A. Baginsky / Barry Schwarz / Kampnagel, Hamburg
1995 / Videodokumentation / Länge: 17:23 Min / Produktion: Nicolas A. Baginsky
„A 5-ton performance together with Barry Schwartz.“ Nicolas A. Baginsky

 About the Project: »“I-Beam Music“ is a performance, that explores acoustic phenomena using old and new technologies. „I-Beam Music“ is an orchestrated sculpture, an installation, that deals equally inventive with water, high voltage, fire and chemicals as well as with machines, computers and sensors. „I-Beam Music“ is the tittle of a computer driven machine-performance developed by hamburgian sculptor Nicolas Anatol Baginsky in collaboration with the californian performance-artist Barry Schwartz.

The central element in this installation is a string instrument, the artists have build using a 4 meter long steel I-beam . During the performance, the six-string instrument undertakes an automatic journey through an environment 25 meters in length. Similar to the functional principle of a car-wash, the string instrument travels through different situations and is being played there in very different ways: mechanical fingers pick the strings, chemicals create tones, extreme heat and cold tune the instrument. Dry ice and liquid nitrogen as well as parts of an old photocopier play the strings. In a later section, the combination of water and high voltage generate electrifying sounds. On its travel, the instrument develops various characters. For example: it turns into a bottleneck-guitar, then it becomes a bowed string-instrument and towards the end it is a „industrial- music“ type sound generator. The artists also use related machinery and instruments to orchestrate the performance: a converted turntable mounted to an electro vehicle uses the motion momentum to generate music. A wheelbarrow is turned into a sound harp.

A computer program forms the acoustic environment for the performance. This program, written by Baginsky especially for this project, analyses in real-time all acoustic events in the performance space. The resulting data is then being interpreted and output via electronic instruments and robotic actuators. This mechanism engineers a recursive symphony based upon existing sound and music.

Several surveillance cameras inside the I-beam instrument and at various positions in the set allow endoscopic insight into the installation. The images are life-mixed by a computer and are then displayed by two video projectors.

Nicolas Anatol Baginsky and Barry Schwartz are both artists that, in their way of working, combine the artist, the engineer and the technician. What they have in common is an extraordinary attraction towards the graveyards of industrial society: containers filled with junk machinery. As a result to that strategy their biggest common divisor becomes visible: beautifully engineered machine music. A machine music that explores the extremes of music and technology.«

I-Beam Music / Nicolas A. Baginsky / Barry Schwarz / Kampnagel, Hamburg / Film by Martin Kreyssig © 1995
I-Beam Music / Nicolas A. Baginsky / Barry Schwarz / Kampnagel, Hamburg / Film by Martin Kreyssig © 1995