Verwandte Begegnung

Mit Blick nach Süden,
kalter Wind auf halber Nase,
treff ich dich, Schönheit, am Wegesrand:
Gebüsch im Schnee.
Kennen wir uns nicht, blattloser Torso,
aus andrer Bilderlandschaft,
weiss papierne Kataloge?

Ruine und Gebein, eisige Stätte,
Denkmal steinernen Winterfriedens,
abgelegte Streifen Schnee,
erstarrtes Gefieder, Restgewirre:
Nackt vorm Grau zeigen spitz deine
stocksteifen Äste zum blauen Fleck,
dürre Finger schlanken Gitterwerks
gieren sehnsuchtsvoll nach Licht.

Geblendet von Schneedaunen, ein
Trugbild in Begehung, Wind
und Frost und trübes Nass,
Hoffnung auf Frühling – Wärme,
ein Bild bloß im Schwelgen verblättert,
steht ein Gebüsch im Schnee.

Gebüsch im Schnee, 1827/28, Caspar David Friedrich (1774-1840), Gemäldegalerie Dresden © Wikipedia

Gebüsch im Schnee © Martin Kreyssig 2026

Portrait

deine Mutter auf der Fotografie betrachte
ich wie eine Fremde nur
du kanntest sie in diesem Alter
ich sehe dich wie
du sie betrachtest sie kennst wie
ich sie nicht kannte ich betrachte
deine Mutter wie du
dich erinnerst wie ich
sie nicht erinnere es ist
dein Portrait von deiner Mutter
du hast sie angeschaut für
sie Abzug und Rahmen gewählt
ihr seid weit entfernt wie ihr
euch anschaut ernst und
beide innerlich lächelnd
fällt nach dem Auslöser die Spannung

Melancholie

Kurz lag die Stadt in
Feinstes Weiss gekleidet,
Geschmückt geschminkt
Verwandelt in Stille
Verflogen das Gestern
Die Zeit nie gesehen.

Schon schiessen Tropfen
Höhlen, zerren Schwarz und
Grau, den Stein ans Licht.
Hart dein Gesicht und
müde, schwätz doch vom
Gestern, Dreck und
Dreck again.

Die Sanftheit verflogen
Verschwunden auch
Der Schönheit Zauber, frisches Neu.
Zwei Tage stand verhaltene Hoffnung
Schlange, riss sich Erinnerungen
Aus. Heut regnet das alte Lied,
das Alte.

Novembersilben

Novembersilben
schwarze weiße.
Ins Trübe schreibt der Atem graue Fahnen.
Am Türstock, das abgelegte Alter,
lauscht dem Wind;
in jeder Richtung
auffliegender Gesang.
Gefängnis aus Zeit.

Ein anderer Tag

Die Gegenwart findet mit Hundegebell
und Windstößen
ihr Publikum.
Im Wartesaal.

Häuser erklimmen in der Morgendämmerung
die Hänge, kehren mittags
als Geröll ins Tal.
Häutungen.

Korkeichen Katzen
schwarze Felder.
Rabenschreie.

Sandwolken kühlen die gleißende Sonne.
Augenzwinkern.

Die Tür als Grenze.
Ein anderer Tag.